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Krumme Hölzer

Die Fachwerkbauweise ist von alters her charakteristisch für den Vogelsberg. Der Waldreichtum, verbunden mit ausgeprägten handwerklichen Fertigkeiten, haben diese Bauweise in unserem Raum zu hoher Blüte werden lassen. Besonders aus den Aufbauzeit nach dem dreißigjährigen Krieg sind noch viele wertvolle Häuser erhalten, aber auch jüngere, die in der schwärmerischen, romantisierenden Zeit des Jugendstils gebaut wurde. Alleine von den heute noch bestehenden hessischen Fachwerkkirchen, kann man im Vogelsberg noch 51 bewundern.

Kirchen, offizielle Gebäude, städtische Bürgerhäuser sind teilweise mit Ornamenten, Schnitzereien und Schmuckfachwerk verziert. Das Vogelsberger Bauernhaus aber war einfach, sowohl in seiner Bauweise, als auch in seiner Einteilung - und das typische beim Fachwerkhaus war und ist, dass man von außen erkennen kann, wie es im Inneren eingeteilt ist.

Ein bekannter Architekt und Lehrer beschreibt Fachwerk so:
Das Erdgeschoss wurde auf niedrigem Steinsockel aufgestockt (Stockwerk). Ganz unten liegt die Schwelle. Auf ihr stehen Pfosten und zwischen ihnen eingezapft liegen waagerecht Riegel; in Brüstungshöhe Brustriegel. Oben schließt das Rahmholz die Geschosswand in ganzer Länge ab. Durch diese Anordnung der Balken entstehen quadratische oder rechteckige Gefache. Einige Pfosten sind hervorgehoben. An ihnen lehnen schräg stehende Streben und im Winkel von Pfosten und Rahmholz sind Knaggen, dreieckige Winkel, eingefügt. Bei aufwendiger Bauweise sitzt zwischen Strebe und Knagge oft noch ein Halsriegel. Diese Form nennt man allgemein "Wilden Mann". Sie findet sich in der Regel dort, wo im Inneren eine Querwand abzweigt und auch dort, wo zwei Außenwände aufeinander treffen. Auf den Wänden liegen die Trennbalken der Geschosse, das sind die Deckenbalken. Sie liegen wegen der kürzeren Spannweite quer zur Längsrichtung des Hauses, sind mit dem Rahmholz verzahnt, und halten so die Außenwände gegen Verwindungen. Das nächste Stockwerk ist dann jeweils in gleicher Art wie "unten" aufgestockt. In die Gefache wurden dünne Rutenhölzer gespannt und teils geflochten. Sie wurden mit Lehm ausgefüllt und außen, sowie innen, mit dem gleichen Material verputzt.

Der Fachwerkbau hat in Hunderten von Jahren viele Wandlungen in seiner Form erfahren und sich immer wieder verändert. Kein Haus gleicht dem anderen, aber das, was man beim Anblick unserer Landschaft empfindet, das scheint im Stil der Häuser wiedergegeben zu sein. Das Vogelsberger Fachwerk ist einfach wie die Vogelsberger selbst. Starke Holzquerschnitte, schlichte Formen lassen von unserer herben Landschaft, den eckigen Bauern, dem Vogelsberg träumen. Früher wurde fast ausschließlich Eichenholz beim Fachwerkbau verarbeitet. Oft wurden die Hölzer in dem Wuchs ihrer natürlichen Form verzimmert; und so wurde Oberhessen, und damit die Vogelsberglandschaft, zum Land der Krummen Hölzer. Solange man Hölzer per Hand bearbeitete, war der Fachwerkbau handwerkliche Kunst, mit der Herstellung der Balken in Schneidemühlen, später Sägewerken, verflachte sie zusehends.

Wegen des rauen Vogelsberger Klimas hat man zumindest die Wetterseiten der Häuser oft verschindelt. Das Fachwerk darunter war wesentlich einfacher gehalten und glatt, so auch an der Kirche in Allmenrod. Nostalgische Strömungen unserer Zeit haben die Kirchenväter dort veranlasst das Fachwerk freizulegen, mit dem Erfolg, dass man zwar eine wunderschön aussehende Kirche hatte, sie aber bei Regen und Schnee im Inneren feucht und nass wurde. Daraufhin hat man sie ganz schnell wieder verschindelt. Ein Schildbürgerstreich - oder nur ein solcher aus Allmenrod?

Als die Bernsfelder ihrer alten Kirche überdrüssig waren und eine neue im Stil der Zeit bauen wollten, holten sich die Ilsdorfer die alte Fachwerkkirche und stellten sie an hervorgehobenem Platz in ihrem Ort wieder auf. Die Bernsfelder waren zufrieden mit ihrem neuen Stein-Betonbau, die Ilsdorfer aber freuten sich über ihre erste eigene, zudem alte Kirche mit rot gestrichenem Balkenwerk und hell leuchtenden Gefachen. Nur das Wetter spielte nicht mit, Nässe drang nach innen durch, und so musste auch hier das herrlich anzusehende Fachwerk mit Schindeln überdeckt werden.

Die gleiche Ehrlichkeit, welche den Vogelsbergern eigen ist, verlangen sie auch von den Auswärtigen. Es fuchst sie unwahrscheinlich, wenn sie sich ungerecht beurteilt fühlen, wie etwa von dem, der da behauptete, hier oben seien die Häuser mit Brettern zugenagelt. Solchen Blödsinn kann nur ein Laie verzapfen, der die Liebe unserer Väter zur Natur nicht nachvollziehen kann. Sie haben in mühevoller Arbeit Schindeln hergestellt und sie aufs Sorgfältigste an die Wetterseiten der Häuser genagelt - über 200 Stück auf einen Quadratmeter. Mit dieser Wandverkleidung folgten sie dem Vorbild der Tannenzapfen. Wie bei ihnen, wird die Feuchtigkeit schnell von oben nach unten geleitet, das Haus so vor Nässe geschützt und mit der geringen Wärmeleitfähigkeit des Holzes beste Isolierung gegen Außentemperaturen geschaffen. Genauso unwirsch reagieren die Vogelsberger über verleumderische Äußerungen, ihre Häuser seien nicht nach den Regeln zeitgemäßer Architektur gestaltet. Gegen den Einwand, sie hätten nur mit allzu vielen und allzu starken und krummen Eichenhölzern gebaut, wurde früher heftig protestiert. Heute nicht mehr, denn an vielen Beispielen kann eingefleischten Ökologen bewiesen werden, dass hier oben ihre als fortschrittlich propagierte Bauweise schon vor vielen Jahrhunderten praktiziert wurde - zudem haben wir sie bewahrt und gepflegt.

Zornig, wenn nicht sogar bösartig, werden die Vogelsberger, wenn einer sagt, ein genügsamer Geist aus Urväter Zeiten drücke ihrer Heimat seinen Stempel auf. Sie weichen dann lieber auf andere Aussagen aus, die diese Gegend als die des bürgerlichen Rokoko einstufen, obwohl ihr Gesicht im wesentlichen vom Fachwerkbau bestimmt wird. Sie sind stolz auf die geschnitzten Türen, die Konsolen und Pfeiler, die Hölzer mit den Schmuckbändern, die Beschläge an den Türen als Zeugnisse der Geschicklichkeit ihrer Handwerker. Nur die können es verstanden haben, die städtische Formenwelt des Rokoko geschmackvoll auf die Verhältnisse in ihre kleinen Landregion und ihre Bürgerhäuser zu übertragen. Und die Augen der Vogelsberger laufen fast über, wenn dann noch gelobt wird, diese Handwerker müssen fleißige Leute und kluge Köpfe gewesen sein, denn wer sonst hat mit Renaissance, Rokoko und Klassizismus in den Bergen den Vogelsberg zu einem der eigenartigsten Gebirge gemacht, das man überhaupt finden kann. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass alle Einwohner peinlichst genau die Vergabe von Arbeiten verfolgten. Immer wieder bestanden sie darauf, für keine, auch nicht für kleinste Aufträge, Handwerker aus dem Ausland zu beschäftigen. Auch die Obrigkeit unterstützte einhellig diese Forderung, würden dann doch im Vogelsberg verdiente Gelder nach außen transferiert. Und die heimischen Adelshäuser achteten genau darauf, dass alles ordentlich verlaufe. Nur ihre eigenen Bauten ließen sie von den Auswärtigen errichten - wie sonst sollte Rokoko, Klassizismus und ähnliches in den Vogelsberg gekommen sein?

In allen Ortsteilen ist im Rahmen der Dorfentwicklung eine Privatberatung möglich. Diese ist für die Privatpersonen kostenlos. Zur Vereinbarung eines Beratungstermins setzen Sie sich bitte mit dem Architekturbüro Ruhl und Geissler - Tel. 06631/73119 oder mit dem Amt für den ländlichen Raum - Tel. 06641/977-3522 in Verbindung.

Antragsformulare können unter "Vordrucke" abgerufen werden.

Von Seiten des Landes Hessen wurde die Option angeboten, neben Dirlammen und Hörgenau auch die anderen fünf Ortsteile in die Erarbeitung eines integrierten kommunalen Entwicklungskonzeptes (IKEK) einzubinden. Dies bietet die Chance, für alle sieben Ortsteile ein gesamtkommunales Konzept zu erarbeiten und Fördergelder zu erhalten. Dies betrifft sowohl kommunale als auch private Maßnahmen.

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